Nicht voreilig handeln

16. Februar 2012

Kakofonie. Die Anschläge und Attentatsversuche auf israelische Ziele in Neu-Delhi und Tiflis sowie ein iranisch geleitetes, missglücktes Attentat in Bangkok lösten eine Kakofonie von Reaktionen von Politikern und Experten aus. Die Flammen in Neu-Delhi waren noch nicht vollends gelöscht, als Premier Binyamin Netanyahu und Aussenminister Avigdor Lieberman bereits mit dem Finger auf Iran als Drahtzieher der Gewalt wiesen. Aus dem fernen Singapur warf Verteidigungsminister Ehud Barak nach dem Geschehen in Bangkok Teheran und der Hizbollah vor, konsequent weiter den Weg des Terrorismus zu beschreiten. Stellen wir die Meinungen der Beobachter, die eine Eskalation befürchten, den Ansichten gegenüber, die keinen regionalen Flächenbrand
erwarten, haben letztere Meinungen noch ein leichtes Übergewicht.



Der lange Arm. Klare Indizien weisen auf den langen iranischen Arm hin. Mit Hilfe der Hizbollah, die ihre Rachegelüste für den vor vier Jahren in Damaskus erfolgten Mord an ihrem «Generalstabschef» Imad Mughnyieh immer noch nicht befriedigen konnte, soll weiter für Unruhe und Gewalt gesorgt werden. Wahrscheinlich hat das aber nicht nur mit Mughnyieh zu tun. Eher dürfte hinter dem Interesse der Hizbollah an internationalen Anschlägen die innenpolitische Position der Miliz in Libanon stecken. Einen Tag nach Mughnyies vierter «Jahrzeit» gedachten die Libanesen am Dienstag nämlich der Ermordung ihres Premiers Rafik Hariri. Trotz unaufhörlicher Beteuerungen des Hizbollah-Chefs Hassan Nasrallah, seine Organisation habe nichts zu tun mit dem Verbrechen, kann die Schiitenmiliz den Verdacht nicht von sich abschütteln. Jetzt kündigte Beiruts Regierungschef Najib Mikati zu allem Ungemach für Nasrallah noch an, zu den vier vom Internationalen Gerichtshof bereits formulierten Anklageschriften gegen Hizbollah-Leute solle eine fünfte hinzukommen. Mehr Gründe als genug also für die Hizbollah, die Aufmerksamkeit von Beirut abzulenken. Ferner schrieb die Zeitung «Haaretz» am Mittwoch, die Zukunft der Hizbollah im Zedernland dürfte nach einem allfälligen Sturz Bashar Assads in Syrien mehr als ungewiss sein. Bereits heute macht die syrische Opposition keinen Hehl aus ihrer Abscheu gegen Hizbollah und Iran, und das «neue» Damaskus könnte sich sehr wohl an der Schiitenmiliz rächen wollen.

Teherans Motive. Auch Iran hat Motive, die Atmosphäre zu erhitzen. Zum Bemühen, die Anschläge gegen seine Atomexperten einzudämmen und vor allem in den Meeren und im Luftraum militärisch mit den Muskeln zu protzen, kommen nun Versuche der iranischen Opposition hinzu, zum ersten Mal seit zwölf Monaten wieder auf die Strasse zu gehen – ein Jahr nachdem die Oppositionspolitiker Mehdi Moussavi und Hussein Karroubi unter Hausarrest gestellt worden sind. Auch das Teheraner Regime hat also Grund genug, um von sich abzulenken. Da sind Anschläge aus sicherer Distanz gegen den Erzfeind Israel das ideale Mittel.

Keine Hast! Schütten wir das Kind aber nicht mit dem Bade aus, und  ergötzen wir uns nicht voreilig an den Problemen von Israels Gegnern. Weitere Attacken wie jene von Neu-Delhi sind durchaus möglich. Vergeltungsschläge Jerusalems wären eine Variante der Fortsetzung des nicht mehr so kleinen Kleinkriegs. Das Sammeln und die rasche, weltweite Publikation handfester Beweise für den aktiven iranischen Staatsterror wäre eine andere, langfristig sogar effizientere Variante. Das langfristige Denken ist heute aber zu einer Art Luxusware geworden, die man sich vielleicht in akademischen Kreisen noch leisten kann, aber kaum noch an militärischen Kommandostellen oder in politischen Parteizentralen.





» zurück zur Auswahl