Die umstrittene Liste des Simon-Wiesenthal-Centers in L.A.

Von Hanno Loewy, 2. Januar 2012

Das Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles – nicht zu verwechseln mit dem Wiesenthal Institut in Wien! - hat zum Jahresende seine Top Ten des Antisemitismus im Jahr 2011 veröffentlicht. Eine denkwürdige Liste, von der wir einiges lernen können. Leider wenig über Antisemitismus. Viel hingegen über eine seltsame Vorstellung von „jüdischer“ Interessenpolitik.
Das Wiesenthal Center war schon vor einem Jahr in den Schlagzeilen. Es will ein neues „Museum of Tolerance“ bauen, und zwar in Jerusalem, und zwar dort, wo einmal ein muslimischer Friedhof war. Nun, den haben die Muslime Jerusalems längst aufgegeben und wollten ihn schon vor 80 Jahren selbst bebauen. Einige Gräber wurden schon umgebettet. Und lange war ein Parkplatz darauf. Nun soll also dort „Toleranz“ gepredigt werden. Das Wiesenthal Center versteht nicht, warum Muslime nun dagegen protestieren. Sie sind offenbar nicht für „Toleranz“. Und das Wiesenthal Center versteht auch nicht, dass es möglicherweise einen Unterschied macht, ob man seine Gräber selbst umbettet und einen Friedhof umwidmet (was schon vor 80 Jahren ein kompliziertes Verfahren in Gang setzte), oder ob dies durch eine feindliche Besatzungsmacht geschieht, mit der man täglich im Clinch liegt.

Ganz im Geiste solcher „Toleranz“ steht also nun auch die Liste der „Top Ten Anti-Israel/Anti-Semitic Slurs“: wobei für das Wiesenthal Center Kritik an Israel und Antisemitismus offenbar so ziemlich dasselbe sind, der Gipfel der „Intoleranz“
Das praktische an dieser Liste ist: wer mit ihr nicht zufrieden ist, hat gute Chancen, nächstes Jahr selber drauf zu stehen. Fangen wir deshalb einmal ganz hinten an. Rang 10:
Rev. Jeremiah Wright, 2009 tatsächlich mit einer antisemitischen Äußerung aufgefallen („diese Juden werden ihn (Obama) nicht mit mir reden lassen“) schafft es 2011 mit einer Tirade gegen Israel in die charts und interessanterweise mit dem Satz: „Israel mit dem Judentum gleichzusetzen ist dasselbe wie das Christentum mit Flavor Flav“ (einem umstrittenen Rapper in den USA, der sich immer wieder daneben benimmt). Nun, für diesen Satz und den damit verbundenen Erkenntnisgewinn müsste man Wright doch eher belobigen. Stattdessen: immerhin Rang 10!
Auf dem neunten Platz läuft ein Politiker der Linkspartei aus Duisburg ein. Von dem politischen Wirrkopf namens Dierkes hat sich inzwischen die eigene Partei distanziert, die immer wieder das Problem mit Mitgliedern hat, die Kritik an Israel und anti-jüdische Verschwörungstheorien nicht recht auseinanderhalten können. Doch ist das „mainstream“ – wie das Center in Los Angeles meint? Über so viele tausend Kilometer hinweg mag „Die Linke“ eine bedeutende Partei erscheinen. In Duisburg ist das noch niemand aufgefallen.
Platz 8: endlich ein Volltreffer. Ein christlich-orthodoxer Bischof in Libanon hat den gesamten Bauchladen dabei, von der zionistisch-jüdischen Weltverschwörung die alles Übel finanziert und den Protokollen der Weisen von Zion bis zum jüdischen Gottesmord. Auch die nächsten Kandidaten sind ganz vielversprechend, ein ägyptischer Präsidentschaftskandidat, der zum besten gibt, 60% der Juden sein böse und 40% nicht, ein syrischer Schriftsteller, der sich über jüdische Blutsauger auslässt, bis zu John Galliano, dem Fashion Designer der in einer Pariser Bar jüdische Gäste in die Gaskammer wünschte und Mikis Theodarikas der die griechischen Schulden für eine Verschwörung der Zionisten und amerikanischen Juden hält. Alles leider keine Überraschungen. Aber auch für das Wiesenthal Center sind solche Sprüche offenbar nicht originell genug für die Spitzenplätze.
Auf Platz 2 erscheint also Recep Tayyip Erdogan, der bekanntlich nicht zimperlich ist, wenn es darum geht sich im arabischen Raum als neuer Held der „Befreiung Palästinas“ zu positionieren. Aber gebührt ihm dafür die Vizekrone, dass er demagogisch vorrechnet, dass israelische Militärs sehr viel mehr Palästinenser getötet haben, als Palästinenser Israelis mit Bomben und Raketen? Genau damit brüstet sich das israelische Militär nämlich selber, auch wenn sie dabei die Zahlen nicht so übertreiben, wie Erdogan es tut. Was bitte daran ist antisemitisch?
Doch kommen wir zu Platz 1, dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörden Mahmoud Abbas. Das also soll der Gipfel des Antisemitismus im Jahr 2011 sein:
„Ich komme heute zu Ihnen“, so Abbas am 23.9.2011 vor der UN-Vollversammlung, „aus dem Heiligen Land, dem Land Palästina, dem Land der Verheißung, der Himmelfahrt des Propheten Mohammed (Friede sie mit ihm) und der Geburtsstätte Jesu Christi (Friede sei mit ihm), um im Namen des palästinensischen Volkes zu sprechen...“
Gewiss, eine demonstrativ freundliche Geste gegenüber Israel war das nicht und auch nicht gegenüber den Juden, wo immer sie leben. Aber Abbas kommt aus einem besetzten Land, in dem es an unfreundlichen Gesten gegenüber den Leuten, die er vertritt tagtäglich nicht gerade mangelt. Es herrscht dort nämlich Krieg.
Aber für as Wiesenthal Center ist Abbas offenbar der erste, der dort das Land für „sich“ reklamiert. Israelische Politiker tun das bekanntlich nie, sie betonen bei jeder Gelegenheit, dass Jerusalem und Palästina bis 1948 vor allem von Arabern und mehrheitlich von Muslimen bewohnt war, sie treten jederzeit beherzt dem Gerücht entgegen, dass das zionistische Siedlungswerk in einem „Land ohne Volk“ stattgefunden hätte, und sie legen großen Wert darauf, dass Israel kein „jüdischer Staat“ sondern die Heimat von Juden, Muslimen und Christen ist. Auch Christen würden niemals so einseitig sein, nicht immer auch auf die Himmelfahrt Mohammeds einzugehen, wenn von Jerusalem die Rede ist. Und evangelikale Prediger würden niemals auf den Gedanken kommen, dass mit der Apokalypse die Zeit für Juden und Muslime aus und vorbei sei und der Messias Jerusalem von all den Ungläubigen befreien würde. Oder nicht?
Was bleibt von solcher Form von Propaganda: der schale Geschmack der Instrumentalisierung jüdischen Leids für eine durchsichtige Interessenpolitik. Der schale Geschmack der Heuchelei, der Verwandlung der Parole „Toleranz“ in eine lächerliche, billige Münze im Kampf um politische Vorteile. Man könnte auch sagen: nehmen wir einen Antisemiten, nehmen wir das Bild, das er im Kopf hat und machen wir daraus einen Homunculus. Heraus kommt vermutlich etwas ähnliches wie das „Wiesenthal Center“ und seine „Jury“.
Ein Vorschlag zur Güte. Nächstes Jahr schreiben wir einen Preis aus für die zehn wirkungsvollsten Verharmloser von Antisemitismus und Holocaust. Hier wären ein paar geeignete Kandidaten: Rechtsradikale Orthodoxe in Israel, die israelische Soldaten als Nazis beschimpfen, wenn sie illegale Siedlungen räumen. Palästinenser, Islamisten, Anti-Imperialisten und europäische Intellektuelle die Israel vorwerfen, an den Palästinensern „Holocaust“ zu begehen. Israelis, christliche Prediger und rechtspopulistische europäische Politiker, die Arafat, Abbas und andere Palästinenser als Nazis bezeichnen und ihnen vorwerfen, den nächsten „Holocaust“ zu planen.
Das wird eine lange Liste. Aber der erste Platz ist schon vergeben. Das Wiesenthal Center in Los Angeles hat keine Konkurrenz zu fürchten.



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1 Kommentare


Roland - 13.01.2012

Hermann Dierkes (Linke Duisburg) ist weiterhin in Amt und Würden. Die Linke bildet mit SPD und Grünen eine Rathauskoalition in Duisburg. SPD-Chef in Duisburg und Initiator dieser Koalition ist der SPD-Innenminister im Bundesland NRW. Die Judenhassenden bei den Linken in Deutschland dominieren die Partei. SPD-Polizeipräsident in Duisburg war verantwortlich für die Herunterreißen einer Israelfahne in einer Privatwohnung usw.



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